fluent, entangled and coequal,stream of perception in fragments 5
exhibition Waltherhaus, Kulturinstitut Bozen, Italy, 2021

Interview  Rosanna Dematté and Nora Schöpfer about the exhibition 
exhibition Waltherhaus, Südtiroler Kulturinstitut Bozen, Italy, 2021
Video: Nora Schöpfer, Audio: Südtiroler Kulturinstitut, Nora Schöpfer

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fluent, entangled and coequal-stream of perception in fragments 5, 2021 exhibitions view

 
entanglements 2 / revision of ontologies, 2020, Acryl auf Karton, 102cm x 72cm 


entanglements 4, 2020, acrylic painting and inkjetprint on paper, 110cmx110cm

fluent, 2021, Mixed Media auf Karton,  83 cm x 137cm

transcending perception 2, 2019, photography, graphic,acryl painting, inkjet print on paper auf Papier, 110cm x 110cm


entanglements 1/ revision of ontologies, 2020, acryl on carton, 58cm x 100cm


fluent, 2021, mixed media on carton,  83 cm x 137cm


entanglements 3 / revision of ontologies, 2020, acryl on canvas, 60cm x 150cm


fluent, entangled and coequal, stream of perception in fragments 4, Serie 1.-3, exhibition view, 2021 Südtiroler Kulturinstitut, Bozen, Italy

fluent, entangled and coequal 1, acrylic painting, 140cmx100cm, 2020

fluent, entangled and coequal 2, acrylic painting, 140cmx100cm

fluent, entangled and coequal 3, acrylic painting, 140cmx100cm

fluent, entangled and coequal 5, acrylic painting, 140cmx100cm

 
fluent, entangled and coequal 4, acrylic painting, 140cmx100cm, 2020 


fluent, entangled and coequal 6, acrylic painting, 140cmx100cm

exhibition view, fluent, entangled and coequal- stream of perception in fragments, installation: notebook1,  2020/21, texts, graphics, photography, printing on transparent paper, rose root, notebooks, postcard


inside - outside paradox, 2019, upside base, photography, wooden sticks

beeing here, analogies, 2015-21, photography, carton, seets, material

exhibition view, fluent, entangled and coequal- stream of perception in fragments, installation: 1 Vermessung,  Holz, Maßstab, Acryllack auf Aludipond


fluent, entangled and coequal, exhibition view, südtiroler Kulturinstitut, Bozen, Italy 

complex systems of nature 1, 2020, Acryl auf Leinwand, 80cm x 60cm


beeing here, part 7 2020, interdependend, photography, digital composition, 18cm x13cm

Nora Schöpfer
Filigrane Rekonfigurationen und rhizomatische Modelle 
Rosanna Dematté
 
Nora Schöpfer lotet in ihrer Arbeit die Möglichkeiten der Figuration und der Abstraktion bis zum scheinbaren Schweigen des Schwarzen Quadrats aus. Konträre Sprachen der Kunst, womit sie die Strukturen der Wahrnehmung analysiert, in Bildern abstrahiert und wieder aufbaut und damit einen Toleranz-Raum für unterschiedliche Weltauffassungen öffnet. Ihre Werke – Installationen, Gemälde, überzeichnete und übermalte Fotografien und Grafiken – entpuppen die Realität als Wirklichkeit, welche eine Konfiguration unter vielen möglichen Konfigurationen ist. Sie basieren auf einem philosophischen Denken, das sich verbal kaum entfalten könnte. Ihre Werktitel, die sie akkurat aus einem philosophischen Fundus wählt, funktionieren kaum als verbale Erklärung der Arbeiten, sondern vielmehr als zusätzliche figurative Elemente. Ihre Ausstellungen heißen „aesthetic thought spaces“ (Räume des ästhetischen Denkens) oder „stream of perception in fragments 1-5“ (Fluss der Wahrnehmung in Fragmenten), ihre Arbeitsserien „fluid und liquid existence“ (flüssige Existenz) und „aesthetic thoughts“ (ästhetische Gedanken). Räume der Kunst „permanent unknown“ (Das permanent Unbekannte) ist der Titel einer Installation von 2018, die aus einem kleinen Monitor auf einer Säule aus Büchern besteht. Im Video wird man auf eine Bühne eingeladen, mit einem Vorhang, der sich durch einen leichten Luftzug bewegt. Die Bücher der Philosophie und der Wissenschaft stellen sich als eine Leiter zum Unbekannten heraus, denn nur ein Hauch von dem was sich hinter dem Vorhang versteckt, ist sichtbar. Man steht vor einem platonischen Statement. Wie die Menschen im Höhlengleichnis empfindet man zugleich Frust und Faszination für das, was für immer unbekannt bleiben wird. Das Video in „permanent unknown“ wurde auf dem Weg zum Eingang in eine Kunstmesse aufgenommen und weist auf einen bevorzugten Ausgangspunkt der Künstlerin: Die Räume der Kunst. In Räumen wie Ausstellungen, Museen, Galerien wird seit dem 20. Jahrhundert etwas möglich, das für eine neue Erfahrung der Dinge von großer Bedeutung ist. Möglich werden zum Beispiel Momente der Irritation, Brüche mit der konventionellen Erfahrung, an denen sich eine andere, besondere Erfahrung ereignen kann mit einer konsequenten Anpassung und Erweiterung der Wahrnehmung. Sie sind dazu da, um über visuelle aber auch theoretische Konventionen zu reflektieren. Nora Schöpfer fokussiert auf Ausstellungen und auf Ausstellungsräume als Dispositive, wo unterschiedliche Formen der Wahrnehmung und somit die Gerüste des Wirklichen Priorität haben und kritisch hinterfragt werden. 

Nora Schöpfer Filigrane Rekonfigurationen und rhizomatische Modelle Rosanna Dematté Nora Schöpfer lotet in ihrer Arbeit die Möglichkeiten der Figuration und der Abstraktion bis zum scheinbaren Schweigen des Schwarzen Quadrats aus. Konträre Sprachen der Kunst, womit sie die Strukturen der Wahrnehmung analysiert, in Bildern abstrahiert und wieder aufbaut und damit einen Toleranz-Raum für unterschiedliche Weltauffassungen öffnet. Ihre Werke – Installationen, Gemälde, überzeichnete und übermalte Fotografien und Grafiken – entpuppen die Realität als Wirklichkeit, welche eine Konfiguration unter vielen möglichen Konfigurationen ist. Sie basieren auf einem philosophischen Denken, das sich verbal kaum entfalten könnte. Ihre Werktitel, die sie akkurat aus einem philosophischen Fundus wählt, funktionieren kaum als verbale Erklärung der Arbeiten, sondern vielmehr als zusätzliche figurative Elemente. Ihre Ausstellungen heißen „aesthetic thought spaces“ (Räume des ästhetischen Denkens) oder „stream of perception in fragments 1-5“ (Fluss der Wahrnehmung in Fragmenten), ihre Arbeitsserien „fluid und liquid existence“ (flüssige Existenz) und „aesthetic thoughts“ (ästhetische Gedanken). Räume der Kunst „permanent unknown“ (Das permanent Unbekannte) ist der Titel einer Installation von 2018, die aus einem kleinen Monitor auf einer Säule aus Büchern besteht. Im Video wird man auf eine Bühne eingeladen, mit einem Vorhang, der sich durch einen leichten Luftzug bewegt. Die Bücher der Philosophie und der Wissenschaft stellen sich als eine Leiter zum Unbekannten heraus, denn nur ein Hauch von dem was sich hinter dem Vorhang versteckt, ist sichtbar. Man steht vor einem platonischen Statement. Wie die Menschen im Höhlengleichnis empfindet man zugleich Frust und Faszination für das, was für immer unbekannt bleiben wird. Das Video in „permanent unknown“ wurde auf dem Weg zum Eingang in eine Kunstmesse aufgenommen und weist auf einen bevorzugten Ausgangspunkt der Künstlerin: Die Räume der Kunst. In Räumen wie Ausstellungen, Museen, Galerien wird seit dem 20. Jahrhundert etwas möglich, das für eine neue Erfahrung der Dinge von großer Bedeutung ist. Möglich werden zum Beispiel Momente der Irritation, Brüche mit der konventionellen Erfahrung, an denen sich eine andere, besondere Erfahrung ereignen kann mit einer konsequenten Anpassung und Erweiterung der Wahrnehmung. Sie sind dazu da, um über visuelle aber auch theoretische Konventionen zu reflektieren. Nora Schöpfer fokussiert auf Ausstellungen und auf Ausstellungsräume als Dispositive, wo unterschiedliche Formen der Wahrnehmung und somit die Gerüste des Wirklichen Priorität haben und kritisch hinterfragt werden. 

Rhizome Mit diesem und vielen anderen Arbeiten öffnet Nora Schöpfer sich einem phänomenologischen Diskurs, der sie von Anfang an zu ihrer Arbeit getrieben hat. Die Erfahrung der Phänomene, ist, um Edmund Husserl zu paraphrasieren, über die Apparate der Wissenschaft und der Kunst vermittelt. Es wird dadurch schwierig, die Einzigartigkeit jedes Phänomens ohne Vormeinungen zu erleben. Schöpfer wählte den Weg, über die Vormeinungen zu reflektieren und die vorgegebenen Grenzen in Frage zu stellen. Viele ihrer Arbeiten verstehen sich als Untersuchung der Relationen zwischen den AkteurInnen, welche die Wirklichkeit aufbauen. In der Arbeit „configurations/tree“ (Konfigurationen/Baum) ist im obersten Bereich das Fenster eines Ausstellungsraumes auf der Biennale von Venedig zu erkennen. Es signalisiert einen Ausblick, der einen inneren Blick inkludiert aber auch: einen Blick in die Verbindungen zwischen Natur und Kultur, in die Ähnlichkeit der Strukturen von Schatten einer Baumkrone mit den Strukturen unterirdischer Pilze, die im Einklang mit anderen Organismen leben. Die menschliche Wahrnehmung versteht sich in Relation mit der Welt, in einer relationalen Befruchtung. Diese rhizomatischen Strukturen, die sich in anderen Werken Schöpfers erkennen lassen, stellen eine Alternative zum hierarchischen aber auch zum dialektischen Denken dar. Carl Gustav Jung hatte schon das Wort Rhizom als Metapher für die unsichtbare Natur des Lebens gewählt.3 Philosophen wie Guattari oder Deleuze intendieren mit dem Begriff Rhizom eine philosophische Denkweise, die nicht von einem zentralen Stamm ausgeht, sondern in alle Richtungen funktioniert und immer neue produktive Zusammenhänge bauen kann.4 Die Welt kann in einen unendlich erweiterbaren epistemologischen Prozess begriffen werden, der unendliche Abzweigungen hat. Das Bewusstsein über die Konstruktionen der Welt, auf die sich die Menschen im Austausch miteinander meist beziehen, lässt sich nicht leicht aktivieren. Wir hängen irgendwie zwangsweise an dem Raum, der drei Dimensionen hat, und an der Zeit, die vergehen muss, und können uns leider kaum außerhalb des Zeit-Raums verständigen. Viele Arbeiten von Nora Schöpfer thematisieren das filigrane Zeit-Raum-Gerüst, das es zu überwinden gilt, um mehr hinter die gewohnten Kulissen der Welt zu blicken, die dem Ich eine Verankerung geben. Extrem filigran und gleichzeitig langlebig sind Nora Schöpfers Fadenkörper, welche von ihr als „Zeiträume“ bezeichnet im Giardino von Daniel Spoerri bei Seggiano in Italien oder im Skulpturengarten Achter de Westduinen in den Niederlanden permanent hängen. Sie verhalten sich wie die leeren Augen mancher Selbstporträts von ihrem Lehrer Oswald Oberhuber oder gar wie die spiegelnden Augen in Giuseppe Penones fotografischer Arbeit „Rovesciare i propri occhi“. Innen- und Außenwelt treffen sich in den Augen, in ständiger Veränderung. 

Rekonfigurationen Wie erzeugen wir in dieser ständigen Veränderung unser Weltbild? Ist es endlich an der Zeit, aus der Höhle zu kommen? Manche von uns könnten durchaus von der Erkenntnis begeistert sein, dass der aus der Höhle kommende Mensch nur sich selbst finden wird. Karen Barad, theoretische Physikerin und Theoretikerin des „Neuen Realismus“, die der sogenannten „Materie“ eine Eigenlogik zuweist und als Akteur im epistemologischen Diskurs anerkennt, aktualisiert das menschliche Dilemma der Außen- und Innenwelt, die daraus resultierten theoretischen Gerüste und zugleich Schrödingers These über den geistigen Aufbau der Natur: „Theorien sind nicht bloße metaphysische Aussagen über die Welt, die von einer mutmaßlichen Position der Exteriorität gemacht werden. Sie sind vielmehr lebende und atmende Rekonfigurationen der Welt.“5 Mit einer künstlerischen Praxis wie der von Nora Schöpfer behauptet sich Kunst im wissenschaftlichen Diskurs, indem sie durch ihre Materialität neue Rekonfigurationen und Modelle des Denkens ermöglicht. Daraus resultieren durchaus immer neue blinde Flecken. Als solche könnten die monochromen Farbfelder in einigen der Arbeiten Nora Schöpfers interpretiert werden, als blinde Flecken des Selbst: Signifikante mit einer eigenen tonalen Wertigkeit, Un-Orte, wo das Subjekt sich nicht mehr wiedererkennt und das Denken mit bestehenden Vorstellungen und Dingen nicht korrespondieren muss. Wo die Angst vor dem Schwarzen Quadrat überwunden wird und das Selbst mal nur Farbe sein darf, kann etwas Neues entstehen. 

1 Erwin Schrödinger: Geist und Materie, Braunschweig 1959, S. 32. 2 Ebenda. 3 Vgl. u.a. Carl Gustav Jung: Erinnerungen, Träume, Gedanken, Zürich und Düsseldorf 1961. 4 Vgl. Felix Guattari, Gilles Deleuze: Rhizom, Berlin 1976. 5 Karen Barad: Berühren – Das Nicht-Menschliche, das ich also bin (V.1.1), in: Susanne Witzgall, Kerstin Stakemeier (Hg.): Macht des Materials/Politik der Materialität, Zürich–Berlin 2014, S. 164